Der Tag der mir das Genick brach 9. April 2020 Thomas Geierspichler

rollstuhl rehaJedes Jahr werde ich am 4. April gefragt, wie es mir heute geht…. ob ich an diesem Tag besonders daran denke, was mir Schreckliches passiert ist…. „Siehst du ihn als 2. Geburtstag?“, wird mir gar als mögliche Antwort in den Mund gelegt, weil es sich so vielleicht romantisch erträglicher für den Fragenden anhört. Oder „sonst hättest du vielleicht nie in deinem Leben Olympische Medaillen gewonnen“….

Ich sehe den 4.4. nicht als meinen 2. Geburtstag. Denn auf so einen 2. Geburtstag kann ich scheißen…. Ganz ehrlich, ich würde all meine Medaillen eintauschen, damit ich wieder gehen kann.

Tja, und das ist der Punkt: diese Option existiert nicht. Es ist nun mal wie es ist. Meine Realität ist, dass ich im Rollstuhl sitze und querschnittsgelähmt bin. Auf den Tag genau 26 Jahre. Dass ich nicht mehr laufen kann… ob ich das will oder nicht, ob’s mir gefällt oder nicht… ob es sich gut anfühlt oder nicht… ich kann die Situation nicht ändern.

Es ist völlig egal, wie ich meine Situationen bewerte … besser gesagt, meinem Leben ist es ziemlich egal, wie ich es subjektiv empfinde… es ist mein Leben, Punkt.

Ein Fakt in meinem Leben und in jedem anderen ist, dass uns von Jetzt bis zu dem Zeitpunkt, wo wir nicht mehr auf diesem Erdboden leben, nur ein gewisse Zeit geschenkt wird… Und ich stelle mir nur eine Frage: Wie fülle ich diese Zeit?… mit was verbringe ich diese Zeit? Worauf richte ich meinen Fokus? Auf die schwierigen Umstände oder doch lieber auf meine Hoffnungen, Träume und Möglichkeiten? Will ich ein Gefäß von Negativem oder Positiven sein? Ein Gefäß, das offen ist und sich mit Früchten der Hoffnung und Zuversicht füllt oder mit den Früchten der Stagnation …

Ich habe mich ganz bewusst FÜR das Leben entscheiden… nur mit den Dingen oder Menschen Zeit zu verbringen, die mir wichtig ist… mich mit dem zu beschäftigen, was mir wirklich etwas bedeutet … und ich versuche, trotz meiner „Lähmung“ meine Möglichkeiten zu suchen, zu sehen und das Beste aus mir zu machen … zugegeben, es gelingt mal mehr mal weniger… aber bei wem ist das nicht so? … für mich ist nur wichtig, dass ich mir die Zuversicht und die Hoffnung erhalte. Und den Glauben.

Denn der Glaube ist die Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.

Worauf hoffe ich?…

Umstände kann ich nicht ändern aber ich kann bewusst entscheiden worauf ich meinen Fokus im Leben richte… nach dem Motto: wer auf Scheisse schaut, sieht auch nur Scheisse… Die Uhr tickt, ob ich will oder nicht und ich möchte nicht sterben und sagen: Warum habe ich das oder jenes nicht gemacht…

SCHAU nicht auf das was du nicht hast oder kannst, sondern SIEH das, was du trotzdem hast und kannst.

 

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